Als ich den Aufruf von Silke Schwerdtfeger zur Blogparade „Meine 10 besten Konzentrationshelfer im Familienalltag“ gelesen habe, war mir sofort klar: Da mach ich mit.

Als Pädagogin und Lerntrainerin kenne ich viele Konzentrationstipps und setze sie täglich ein. Bewegungspause vor den Hausaufgaben, ein fester Lernplatz, genug Schlaf: Alles das halte ich für wichtig und richtig.

Und trotzdem höre ich von Eltern, die neu zu mir kommen, immer wieder denselben Satz: „Bei uns hat das nicht funktioniert.“

Wenn wir uns die Situation genauer anschauen, wird meist schnell klar warum: Sie haben das gemacht, was für irgendein Kind funktioniert. Nur eben nicht unbedingt für ihres.

Deshalb wollte ich für diese Blogparade keinen klassischen Artikel mit zehn Tipps schreiben. Stattdessen zeige ich dir die zehn Fragen, die ich mir stelle, bevor ich entscheide, welcher Konzentrationshelfer einem Kind gerade wirklich weiterhilft.

Denn ein Kind, das müde ist, braucht etwas anderes als ein Kind mit Prüfungsangst. Und ein Kind, das nicht weiß, wie es anfangen soll, etwas anderes als eins, das innerlich noch beim Streit in der Pause ist.

Vielleicht helfen dir diese Fragen dabei, dein Kind mit anderen Augen zu sehen — und beim nächsten Mal genau den Helfer auszuwählen, den es gerade braucht.

1. Ist der Akku meines Kindes vielleicht leer?

Viele Kinder kommen nach der Schule nach Hause und wirken unkonzentriert. Sie stehen ständig auf, vergessen Arbeitsaufträge oder starren aus dem Fenster.

Die erste Vermutung lautet oft: „Heute kann es sich wieder überhaupt nicht konzentrieren.“

Dabei hat dein Kind vielleicht schon fünf oder sechs Stunden sein Bestes gegeben. Seit der Früh musste es zuhören, still sitzen, mitdenken, sich an Regeln halten, Konflikte lösen und viele neue Informationen verarbeiten.

Da wundert es mich nicht, wenn der Akku am Nachmittag fast leer ist.

Bevor konzentriertes Arbeiten möglich ist, braucht dein Kind erstmal ganz einfache Dinge:

  • etwas essen
  • ein Glas Wasser trinken
  • eine Runde chillen oder Bewegung
  • frische Luft
  • zehn Minuten Zeit, in denen niemand etwas möchte

Erst danach fällt konzentriertes Arbeiten wieder deutlich leichter.

Bemerkst du was? Das sind schon 5 Konzentrationstipps bei einer einzigen Frage.

Und auch zu dieser Frage gibt es nicht DIE eine richtige Antwort. Jedes Kind braucht was anderes, um seinen Akku wieder aufzuladen.

Das ist ein bisschen wie beim Handy: Es hilft dir das beste Ladekabel nichts, wenn es nicht zu deinem Gerät passt.

Und falls du dich jetzt fragst, wie du herausfinden kannst, was dein Kind gerade braucht: Du kennst dein Kind am besten.

Verlass dich ruhig auf dein Bauchgefühl.
Oder noch einfacher: Frag dein Kind: „Was würde dir jetzt guttun?“

2. Steht mein Kind gerade unter Strom?

Auch das Gegenteil kann der Fall sein.

Manche Kinder kommen nach der Schule nach Hause und sind alles andere als müde. Sie haben vier, fünf oder sechs Stunden gesessen, zugehört und sich zusammengerissen – und jetzt will der ganze Körper nur noch eines: Bewegung.

Sie wippen mit dem Stuhl, laufen ständig herum oder können kaum ruhig sitzen bleiben.

Von außen sieht das schnell wieder nach fehlender Konzentration aus. Dann bringt ein „Jetzt konzentrier dich doch endlich!“ meist wenig.

Vielleicht braucht dein Kind zuerst zehn Minuten Bewegung. Eine Runde im Garten. Seilspringen. Ein paar Brain-Gym-Übungen. Treppen rauf und runter. Hauptsache, der Körper darf sich einmal austoben.

Erst danach fällt das Sitzen und Arbeiten oft leichter.

Und auch hier steckt wieder mehr als ein Konzentrationstipp in einer einzigen Frage.

Denn ein Kind, das innerlich noch voller Bewegungsdrang ist, braucht etwas anderes als ein Kind mit leerem Akku.

Manchmal ist die beste Vorbereitung aufs Lernen deshalb gar nicht der Schreibtisch – sondern zuerst Bewegung.

3. Ist gerade ein stärkerer Reiz in der Nähe als die Aufgabe selbst?

Manchmal liegt es weniger am Kind als an dem, was neben der Aufgabe noch um seine Aufmerksamkeit buhlt.

Da ist das Handy, das kurz aufleuchtet. Das Geschwisterkind, das nebenan spielt. Der Fernseher, der im Wohnzimmer läuft, obwohl die Hausaufgaben am Küchentisch gemacht werden. Sogar ein Fenster mit Blick auf die Straße kann genug sein um die Gedanken wieder vom Rechenheft abzuziehen,

Bevor ich nach der Ursache im Kind suche, schau ich deshalb zuerst auf die Umgebung: den Raum, seinen Arbeitsplatz oder die Geräuschkulisse.

Gerade bei älteren Kindern kann ein Handytresor ein wahrer Gamechanger sein.
Bevor die Arbeit beginnt, noch schnell alle Freunde informieren, dass man die nächste Zeit nicht erreichbar ist – „weil die doofe Lerntrainerin der Mama einen Handytresor eingeredet hat“. Ich spiele da gerne den Bad Guy. 😉
Und dann: Handy ab in die Schublade. Ganz nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Auch bei der Lernumgebung gibt es wieder viele Konzentrationshelfer, die je nach Kind und Situation wunderbar oder auch gar nicht funktionieren können: vom Türschild „Hier wird gelernt“ bis zu Noise-Cancelling-Kopfhörern.

Die entscheidende Frage bleibt dieselbe: Welcher Reiz zieht die Aufmerksamkeit meines Kindes gerade stärker an als die Aufgabe – und was davon können wir für die nächste Lernzeit einfach ausschalten?

4. Weiß mein Kind, wie es anfangen soll?

Kennst du das? Dein Kind kommt einfach nicht in die Gänge. Es schaut aus dem Fenster, spitzt noch einmal den Bleistift, holt etwas zu trinken, blättert im Heft vor und zurück. Dann fällt ihm ein, dass es noch schnell etwas holen muss.

Zehn oder fünfzehn Minuten vergehen, bevor es überhaupt mit der ersten Aufgabe startet. Und irgendwann sind alle genervt. Dein Kind genauso wie du.

Von außen wirkt es, als könne sich das Kind nicht konzentrieren. Uns Eltern rutschen dann schnell Sätze wie diese raus.„Jetzt konzentrier dich doch endlich und fang endlich an!“

Dabei liegt das Problem manchmal genau dort: beim Anfangen.

Dem Kind fehlt weniger die Konzentration als ein verlässlicher Übergang ins Lernen. Der Sprung vom Spielen, Essen oder Heimkommen direkt zu Mathe und Deutsch ist für manche Kinder größer, als wir denken.

Ein festes Lernritual kann diesen Start erleichtern. Gleicher Arbeitsplatz, ähnlicher Ablauf, ein vertrauter erster Schritt.

Vielleicht beginnt ihr immer mit einem Glas Wasser. Mit einer kurzen Bewegung. Oder ihr schaut gemeinsam, was heute überhaupt zu tun ist. Je weniger dein Kind jedes Mal neu überlegen muss, wie es startet, desto leichter kommt es oft ins Tun.

5. Versteht mein Kind die Aufgabe überhaupt?

Auch das sieht von außen oft nach Unkonzentriertheit aus: Das Kind malt. Es spielt mit dem Radiergummi. Es schaut herum.

Und in Wirklichkeit weiß es schlichtweg nicht, was es tun soll.

Viele Kinder trauen sich nicht zu sagen: „Ich verstehe die Aufgabe nicht.“ Sie beschäftigen sich dann lieber mit allem anderen.

Deshalb frage ich lieber einmal mehr nach: „Erzähl mir mit deinen Worten, was heute zu tun ist.“
Oft merkt man schon an der Antwort, wo es hakt:
Vielleicht ist die Aufgabenstellung unklar. Vielleicht weiß dein Kind nicht, welcher Schritt zuerst kommt. Oder der ganze Aufgabenberg wirkt so groß, dass es gar nicht weiß, wo es anfangen soll.

Dann hilft es, gemeinsam zu sortieren:

Was ist der erste Schritt? Was kommt danach? Und was muss heute überhaupt alles gemacht werden?

Aus einem riesigen Aufgabenberg werden so mehrere überschaubare Etappen. Und plötzlich weiß dein Kind wieder, wo es losgehen kann.

6. Passt diese Art zu lernen überhaupt zu meinem Kind?

Du gehst mit deinem Kind die Vokabeln zum dritten Mal durch. Es hört zu, spricht sie nach und gibt sich Mühe. Eine Stunde später sind trotzdem nur zwei von zehn Wörtern hängen geblieben.

Schnell heißt es dann: „Du warst einfach nicht konzentriert genug.“

Aber was, wenn dein Kind sehr wohl konzentriert war? Was, wenn es sich wirklich angestrengt hat – und die Art zu lernen einfach nicht gut zu ihm gepasst hat?

Manche Kinder merken sich Vokabeln leichter, wenn sie sie schreiben. Andere wollen dabei herumgehen. Wieder andere brauchen Bilder oder hören sich die Wörter gerne auf Dauerschleife an.

Es gibt nicht die eine Lernmethode, die für alle Kinder funktioniert. Und das gilt natürlich nicht nur fürs Vokabellernen.

Stell dir vor, du müsstest mit deiner nicht-dominanten Hand einen Spaten halten und eine Grube graben. Du würdest es vermutlich schaffen. Aber es wäre anstrengender, langsamer und würde dich viel mehr Kraft kosten.

Ganz ähnlich kann sich Lernen für ein Kind anfühlen, wenn die Methode nicht zu ihm passt.

Je besser die Art zu lernen zum Kind passt, desto weniger Kraft braucht es, um dranzubleiben – und desto leichter fällt oft auch die Konzentration.

7. Braucht mein Kind jetzt eine Pause?

Nach zwölf Minuten Matheaufgaben kippt die Stimmung. Dein Kind wird fahrig, der Radiergummi wird interessanter als die Aufgabe.

Für dich sieht es schnell wieder nach fehlender Konzentration aus.

Dabei braucht dein Kind vielleicht einfach eine Pause.

Viele Eltern glauben, eine Pause unterbricht das Lernen. Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall. Die Unterbrechung hilft im Anschluss wieder konzentrierte weiterarbeiten zu können.

Eine grobe Faustregel, an der ich mich orientiere: Alter mal zwei in Minuten am Stück, dann eine kurz Pause machen. Bei einem achtjährigen Kind sind das sechzehn Minuten, mit Spielraum nach oben und unten, je nach Tagesform.

Und was macht dein Kind in dieser Pause?  Auch da gibt es wieder keine Antwort, die für alle passt. Das eine braucht etwas zu trinken, das nächste Bewegung, ein anderes einfach ein paar Minuten Abstand vom Schreibtisch. Vieles davon ist dir bei den ersten Fragen wahrscheinlich schon begegnet.

Entscheidend ist, dass die Pause wirklich hilft, danach wieder leichter weiterzumachen.

8. Beschäftigt mein Kind gerade etwas ganz anderes?

Daran denken wir bei Konzentrationsproblemen oft gar nicht.
Wir schauen auf Schlaf, Bewegung, Handy oder andere Ablenkungen. Vielleicht fragen wir uns sogar, ob unser Kind grundsätzlich ein Problem mit der Konzentration hat.

Dabei kann der Grund gerade ganz woanders liegen.

Möglicherweise beschäftigt dein Kind gerade etwas ganz anderes: ein Streit mit dem besten  Freund oder Ärger mit der Lehrerin.

Vielleicht ist eine Arbeit nicht gelungen und es erwartet eine schlechte Note. Oder es ist gerade überzeugt: „Ich kann das sowieso nicht.“ Und hat jetzt schon Angst vor der nächsten Arbeit.

Dann sitzt es zwar vor der Matheaufgabe, ist mit den Gedanken aber ganz woanders.

Und wenn im Kopf gerade ein Streit, eine Sorge oder ein „Ich kann das sowieso nicht“ kreist, bleibt für Rechnen, Lesen oder Vokabeln nur wenig Platz.

Dann braucht dein Kind vielleicht zuerst ein Gespräch. Jemanden, der zuhört. Oder einfach die Möglichkeit, loszuwerden, was ihm gerade im Kopf herumgeht.

9. Ist Lernen für mein Kind schon mit Stress verbunden?

Manchmal reicht schon der Satz: „Wir machen jetzt Hausaufgaben.“ Und die Stimmung kippt.

Dein Kind verdreht die Augen, wird wütend, zieht sich zurück oder bekommt plötzlich Bauchweh. Noch bevor überhaupt das erste Heft aufgeschlagen ist.

Wenn Lernen über längere Zeit immer wieder mit Streit, Tränen oder dem Gefühl „Ich schaff das sowieso nicht“ verbunden war, reagiert dein Kind irgendwann schon auf die Situation selbst.

Dann sitzt es zwar am Schreibtisch, innerlich möchte es aber nur noch weg.

Und wenn dein Kind innerlich auf Abwehr steht, wird es schwer, seine Aufmerksamkeit bei der Aufgabe zu halten. Konzentration braucht einen Kopf, der sich überhaupt aufs Lernen einlassen kann.

Ein Satz wie dieser hat das Potenzial, euren ganzen Nachmittag zu verändern: „Ich sehe, dass dir das heute gerade schwerfällt. Lass uns gemeinsam schauen, was dir jetzt helfen könnte.“

10. Hat mein Kind heute schon erlebt, dass es etwas kann?

Viele Kinder, die zu mir kommen, haben irgendwann aufgehört, an sich zu glauben. Sie erleben immer wieder, dass etwas rot angestrichen ist, eine Aufgabe nicht gelingt oder eine Schularbeit schlechter ausfällt als erhofft.

Aus „Ich habe einen Fehler gemacht“ wird mit der Zeit: „Ich kann das einfach nicht.“ Und mit diesem Gefühl im Bauch soll dein Kind dann die nächste Aufgabe angehen.

Kein Wunder, wenn es schwerfällt, dranzubleiben und die Aufmerksamkeit bei der Aufgabe zu halten. Denn wer innerlich schon mit „Das kann ich sowieso nicht“ startet, hat es auch schwerer, sich auf die Aufgabe vor sich zu konzentrieren.

Deshalb beginne ich gerne mit etwas, das gelingt, also mit einer Aufgabe, bei der dein Kind ziemlich sicher weiß: Das kann ich.

Ein kleiner Erfolg kann die Stimmung für den ganzen Nachmittag verändern. Aus „Ich schaffe das nie“ wird: „Den ersten Schritt habe ich geschafft.“

Und plötzlich traut sich dein Kind auch an die nächste Aufgabe heran. Die Aufgabe ist dieselbe. Aber dein Kind geht mit einem anderen Gefühl hinein – und vor allem auch konzentriert.

Warum hilft derselbe Konzentrationstipp nicht jedem Kind?

Wenn du die zehn Fragen bis hierher durchgelesen hast, hast du auch verstanden: Was einem Kind hilft, kann beim nächsten komplett wirkungslos sein.

Genau deshalb schaue ich gerne noch genauer hin und frage mich:  „Was braucht DIESES Kind JETZT gerade, damit Konzentration überhaupt möglich wird?“

Neben meinem pädagogischen Wissen nutze ich in meiner Arbeit auch Human Design als ergänzenden Blickwinkel. Für mich ist das Bodychart wie eine zusätzliche Landkarte. Es kann mir Hinweise geben, die zu einigen der Fragen aus diesem Artikel passen:

  • Wie geht dieses Kind mit seiner Energie um?
  • Wie stark reagiert es auf Reize aus seiner Umgebung?
  • Wie nimmt und verarbeitet es Informationen?
  • Welche Hinweise gibt es auf die Art, wie es fokussiert?

Human Design ist kein wissenschaftlich anerkanntes Diagnoseinstrument. Für mich ersetzt es weder mein pädagogisches Wissen noch die Beobachtung des Kindes. Es ergänzt meinen Blick.

Und manchmal erklärt genau dieser zusätzliche Blick, warum ein Konzentrationstipp, der beim Geschwisterkind wunderbar funktioniert, bei diesem Kind überhaupt nichts bringt.

Du musst jetzt nicht zehn Baustellen lösen

Puh. Das waren jetzt viele mögliche Gründe, warum ein Kind sich gerade nicht konzentrieren kann.
Falls du dich und dein Kind jetzt in mehreren Punkten wiedergefunden hast, heißt das nicht, dass du morgen alles ändern musst.
Fang dort an, wo du gerade das stärkste Gefühl hast: Das könnte bei meinem Kind eine Rolle spielen.

Hilft es? Wunderbar.
Hilft es nicht? Dann habt ihr trotzdem etwas herausgefunden: Das war es offenbar nicht – oder zumindest nicht allein.

Du willst nicht mehr alleine ausprobieren?

Ich verstehe aber auch, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem man keine Lust mehr hat, den nächsten Tipp auszuprobieren.

Wenn du genau da stehst, können wir gemeinsam hinschauen.

In einem unverbindlichen Infogespräch schauen wir gemeinsam auf eure Situation: Was erlebt ihr gerade? Wo hakt es immer wieder? Und könnte meine Begleitung für euch der passende nächste Schritt sein?

Ob du erst einmal selbst weiterprobierst oder dir Unterstützung holst – eines möchte ich dir aus diesem Artikel auf jeden Fall mitgeben: