Als ich den Aufruf zur Blogparade von Susanne Burzel „Erinnerung an eine Lehrkraft, die mich oder mein Kind besonders gefördert hat“ gelesen habe, war ich sofort wieder in meiner eigenen Schulzeit.

Unmittelbar hatte ich ein Bild vor meinen Augen. Das Bild eines Mädchens mit langen Zöpfen, das sich unglaublich auf die Schule gefreut hat. Das stolz war, endlich richtig lesen zu lernen. Das bald ihren Stofftieren richtige Geschichten vorlesen konnte, anstatt nur die Bilder zu beschreiben.

Ein Mädchen, das sehr schnell merken musste:  Für mich fühlt sich Lernen schwerer an als für andere.

Und dann kam dieser Schulstart

Lesen war schwer. Schreiben war schwer.  Unzählige Male kam es vor, dass meine Freunde an der Haustür klingelten, um mich zum Spielen abzuholen. Sie zogen meist ohne mich weiter, da ich noch an den Hausaufgaben saß. Oder dass die Kinder am Bauernhof in den Ferien längst im Stall mit den Kätzchen spielen durften, während ich noch Übungen machen musste.

Ich lernte. Ich bemühte mich. Ich wollte es gut machen. Und trotzdem fühlte es sich oft so an, als würde ich mit angezogener Handbremse fahren, während andere locker an mir vorbeizogen.

Wenn der Bruder weniger lernt und trotzdem besser ist

Noch schlimmer wurde es, als drei Jahre nach mir mein jüngerer Bruder in die Schule kam. Er tat sich in der Schule viel leichter. Er musste weniger machen und hatte trotzdem bessere Noten.

Rückblickend weiß ich: Das macht etwas mit einem Kind:

Warum kann er das und ich nicht?
Warum brauche ich so lange?
Warum reicht meine Mühe nicht?
Bin ich vielleicht einfach nicht so gut?

Kein Turbo für meinen ohnehin schon angeknacksten Selbstwert.

Und doch hatte es auch gute Seiten.

Ich wollte unbedingt – so wie meine große Freundin damals- ins Gymnasium gehen. Also blieb ich dran.

Und meine Anstrengungen wurden belohnt. Ich schaffte den Übertritt.

Aus dieser Zeit stammen auch mein Ehrgeiz und mein Dranbleiben.

Viele Jahre später kam dann ein Moment, der für mich mehr verändert hat, als ich damals verstanden habe.

Meine Drei in Englisch – und plötzlich sollte ich Nachhilfe geben

Ein paar Jahre später war ich im Gymnasium, in der 5. Klasse Oberstufe – also in der 9. Schulstufe.

Ich hatte mich von einer schlechten Schülerin zu einer mittelmäßigen hinaufgearbeitet. In Deutsch hatte ich mittlerweile eine Drei. In Englisch auch.

Keine Katastrophe. Aber auch keine Note, bei der man sofort denkt: Genau diese Schülerin soll jetzt Nachhilfe geben.

Und trotzdem fragte mich mein damaliger Englischprofessor, ob ich einer Schülerin aus der ersten Klasse Nachhilfe geben möchte.

Ich war völlig irritiert.

Ich?
Warum ich?
Ich habe doch nur eine Drei.
Warum nicht die Klassenbeste?

Der Satz meines Lehrers, den ich nie vergessen habe

Sinngemäß sagte er zu mir:

„Marianne, ich glaube, dass du das gut machst“

„Ich glaube auch, dass du und Nina gut zusammenpasst. Und ich weiß, dass du fleißig bist. Du wirst dir das gut anschauen. Und wenn du Fragen hast, fragst du mich einfach.“

Nina. So hieß das Mädchen. Ich weiß ihren Namen bis heute.

Mit Nina begann mein eigener Lernweg

Ich begann also, mit Nina zu lernen. Und damit änderte sich für mich etwas – ohne dass ich damals schon verstanden hätte, was genau da passierte.

Ich bereitete mich vor. Ich schaute mir den Stoff genau an. Ich überlegte, wie ich ihn erklären konnte. Ich suchte Beispiele. Ich zerlegte Aufgaben in Schritte.

 Ich wollte, dass Nina versteht, was ich meinte.

Und während ich ihr half, begann ich selbst anders zu lernen.

Plötzlich war Englisch nicht mehr nur ein Fach mit Vokabeln, Zeiten und Tests. Es wurde etwas, das ich jemand anderem näherbringen konnte.

Heute weiß ich: Genau darin lag mein Lernweg.
Ich verstand besser, wenn ich erklärte.

Plötzlich war ich nicht mehr die Dumme.

Aus einer Nachhilfestunde wurde mein beruflicher Weg

Zu Nina kam ein weiteres Nachhilfekind. Dann noch eines.

Irgendwann gab ich Nachhilfe in Englisch, Mathematik, Deutsch und später auch in Rechnungswesen. Während meines Studiums arbeitete ich in einem Nachhilfeinstitut. Manchmal saßen bis zu sechs Kinder aus verschiedenen Schulstufen und mit verschiedenen Fächern bei mir.

Und von Anfang an sagten die Kinder zu mir:

„Marianne, warum bist du eigentlich nicht unsere Lehrerin?“

Dieser Satz blieb hängen und sollte dazu führen, dass ich später Pädagogik studierte.

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich: Dieser Englischprofessor hat mir damals nicht nur eine Nachhilfeschülerin vermittelt.

Er hat mir eine Tür geöffnet.

Er hat sich von meiner Drei nicht den Blick verstellen lassen.

Er hat etwas gesehen, das mir nicht bewusst war. Meine Geduld. Meinen Fleiß. Meine Fähigkeit, mich in jemanden hineinzudenken, der gerade nicht weiterkommt.

Er hat mir etwas zugetraut, bevor ich es mir selbst zutrauen konnte.

Heute bin ich überzeugt, ohne meinen Englischprofessor wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Walter, unser Klassenvorstand

Wenn ich an Lehrkräfte denke, die mich geprägt haben, dann denke ich auch an Walter, meinen ehemaligen Klassenvorstand, von dem ich erst vor Kurzem Abschied nehmen musste.

Bei ihm war es ein anderer Funken. Rückblickend hat er mein Weltbild auf eine andere Art verändert.

Er war einer dieser Erwachsenen, die Jugendlichen Rückhalt geben.

Auch dann, wenn sie Blödsinn machen.
Auch dann, wenn sie Grenzen testen.
Auch dann, wenn sie gerade nicht besonders glänzen.

Walter stand hinter uns.

Er sah nicht nur Schülerinnen und Schüler, die funktionieren sollten. Er sah junge Menschen, die auf dem Weg waren. Unfertig. Laut. Unsicher. Manchmal anstrengend. Und trotzdem wertvoll.

Heute weiß ich, wie viel das mit jungen Menschen macht:
Wenn ein Erwachsener nicht nur den Blödsinn sieht, sondern auch den Menschen, der gerade noch übt, erwachsen zu werden.
Der hinter dir steht, auch wenn du gerade richtig Mist baust.

Der eine sah meine Fähigkeit. Der andere den Menschen dahinter

Heute sehe ich den roten Faden.

Mein Englischprofessor sah eine Fähigkeit in mir, die ich selbst noch nicht sehen konnte.
Walter sah den Menschen hinter dem Verhalten.

Beides braucht ein Kind.
Jemanden, der sagt: „Ich traue dir das zu.“
Und jemanden, bei dem man spürt: „Auch wenn es gerade schwierig ist, du bist nicht falsch.“

Warum ich heute Kinder anders sehe

Heute begleite ich mit LernMagie Kinder, die lernen, aber noch keinen Erfolg erleben.

Kinder, die am Tisch sitzen und plötzlich nicht mehr wissen, womit sie anfangen sollen.
Kinder, die vor dem Test alles können und dann ein leeres Blatt anstarren.
Kinder, die sagen: „Ich bin dumm“, obwohl sie sich so sehr bemühen.
Kinder, deren Mamas spüren: Da steckt so viel mehr drin. Aber gerade kommt es nicht hervor.

Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Lernen schwerfällt.
Weil ich erfahren durfte, was passieren kann, wenn ein Erwachsener nicht bei der Note stehen bleibt.
Und wie wertvoll es ist, wenn ein Erwachsener hinter dir steht, selbst wenn du mal kacke baust.

Eine Drei in Englisch war damals nicht das Ende meiner Geschichte. Sie war der Anfang einer neuen, weil ein Lehrer mehr gesehen hat.

Er sah ein Mädchen, das fleißig war. Das erklären konnte. Das sich hineindenken konnte. Das vielleicht genau deshalb gut helfen konnte, weil ihm selbst nicht immer alles zugeflogen war.

Das ist auch heute mein Blick auf Kinder.

Ein Kind ist nie nur seine Note

Ein Kind ist nie nur seine Note.
Nie nur seine Konzentration.
Nie nur sein Widerstand am Hausaufgabentisch.
Nie nur der Satz: „Ich kann das nicht.“

Jedes Kind bringt etwas mit.
Oft liegt es unter Frust, Angst, Druck oder alten Erfahrungen vergraben.

Deshalb braucht es einen Menschen, der sagt oder signalisiert: „Ich sehe da etwas in dir.“

Vielleicht ist das eine der schönsten Formen von Förderung. Nicht ein Kind schneller, besser oder angepasster zu machen. Sondern ihm zu helfen, wieder zu spüren:

Da ist etwas in mir.
Ich kann lernen.
Ich darf meinen Weg finden.

Lieber Paul, falls du das hier lesen solltest: Danke, dass du mir mehr zugetraut hast, als ich mir selbst zugetraut habe. Beim nächsten Maturatreffen werde ich es dir persönlich sagen.

Danke an alle Lehrerinnen und Lehrer, die genau das tun.
Manchmal wissen sie gar nicht, wie lange ein einziger Satz in einem Kind weiterwirkt.

Wenn ich an meine eigene Schul- und Lernvergangenheit denke, sage ich oft:
Mir half damals der Zufall. Mein Englischprofessor war zur richtigen Zeit da.

Heute möchte ich für Kinder genau dieser Mensch sein:
jemand, der hinschaut, wenn eine Note zu wenig erzählt.

Damit Kinder nicht endlos darauf warten müssen, dass jemand zufällig mehr in ihnen sieht.